Die Millisekunde zu spät

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Video Call

Was Chat-Verzögerungen mit unserem Bauchgefühl im Interview machen

Inhalt:

Einleitung

„Danke für das Interview! Schönen Tag euch noch!“ – Das waren die Worte, mit denen ich das Interview beendet habe. „Auflegen“-Knopf – Puh, vorbei!

Es war kein schlechtes Gespräch, aber es hat sich zäh angefühlt, so als hätte es einfach nicht „gepasst“.

Online Interviews haben spätestens seit der Coronapandemie den Redaktionsalltag erreicht. Ich persönlich führe im Schnitt ein bis zwei längere Interviews pro Woche über Zoom, Teams, Zencastr oder ähnliche Plattformen. Wie bei Face-To-Face Interviews gibt es natürlich auch Online-Gespräche, die faszinieren und eine Strahlkraft entwickeln. Und andere, die irgendwie blass bleiben. Als interviewende Person bleibt nach jedem Gespräch immer ein Gefühl zurück.

Aber bei Interviews, die über einen digitalen Kanal geführt werden, muss dieses Gefühl nicht der Realität entsprechen! Und das Wissen darüber kann das ganze Interview beeinflussen! In diesem Artikel geht es darum, sich von der Technik kein Interview vermiesen zu lassen.

(Anmerkung: Es gibt verschieden angelegte Interviews. In diesem Fall geht es bewusst um längere Interviews, bei denen es wichtig ist, eine Grundstimmung aufzubauen, die Platz für Offenheit schafft.)

Latenzen im Interview

Video- und Audio-Calls sind inzwischen von überall auf der Welt möglich. Ein großer Vorteil für Radio-Sender und TV-Sender: Das Audio wird nicht so stark beschränkt wie beim Telefon. Auch Höhen und Tiefen werden übertragen, viel besser als beim klassischen Telefon.

Im Alltag entstehen dadurch aber oft andere Probleme. Bild und Audio haken, wir verstehen die andere Person nicht richtig und müssen Dinge drei Mal fragen – im schlimmsten Fall.

Aber es gibt auch den Fall, dass die Qualität flüssig ist und die Personen gut klingen – vermeintlich. Es lauert eine kleine versteckte Gefahr im Online-Interview: die Latenz – die Zeit, die das Video für die Übertragung benötigt. Eine Frage wird gestellt, das Audio wird durch’s Netz geschickt und landet erst eine Sekunde später bei der Person, die befragt wird.

Warum ist das ein Problem?

Fehlgedeutete Gefühle

Eine Versuchsreihe am Dartmouth College in den USA hat gezeigt, dass es im Schnitt eine Viertelsekunde dauert, bis wir bei einem Face-To-Face Gespräch antworten. Das ist eine Zeit, die wir als Menschen als „normal“ empfinden. Die Forschenden haben untersucht, wie sich die Antwortzeit auf das wahrgenommene Gefühl in einem Gespräch auswirkt. Je kürzer die Zeit bis zu einer Antwort ist, desto mehr hatten die Probanden das Gefühl, dass es „Klick“ gemacht hat zwischen den Personen, die sich unterhalten. Je schneller die andere Person auf uns reagiert, desto besser wurde das Gespräch subjektiv bewertet. Vermutlich aus dem Gedanken heraus, dass die andere Person „genauso denkt“ wie man selbst.

Das stimmt mit persönlichen Erfahrungen überein, oder? Dieser fiese Typ im Anzug, der erst nach drei Sekunden auf eine Frage antwortet, die wir ihm gestellt haben…das ist niemals ein gutes Gespräch! Die beste Freundin, die die eigenen Sätze beenden kann – was für ein tolles Gefühl!

Übertragen wir dieses Wissen auf Online-Interviews.

Wir stellen als Interviewende eine Frage. Wir erwarten eine Antwort von unserem Gegenüber (sonst würde das Interview auch keinen Sinn machen!). Unser Bachgefühl sagt uns, dass innerhalb einer Viertelsekunde eine Antwort kommen sollte, wenn denn die andere Person dem Gespräch auch positiv gegenübersteht. Jetzt sitzen wir aber in einem Video-Call, der von sich aus schon eine halbe Sekunde Verzögerungszeit hat – natürlich kommt die Antwort wesentlich später als wir es von einem normalen Gespräch erwarten würden.

Manchmal ist die Verzögerung so groß, dass wir sofort begreifen wie „lang“ die Leitung eigentlich ist. Dann kann unser Unterbewusstsein das Problem zuordnen und schiebt es auf die Leitung. Aber was, wenn die Verzögerung gar nicht so offensichtlich ist? Wenn es statt einer Viertelsekunde (250ms) am Ende 350ms oder 400ms sind? Dann bemerken wir die Latenz nicht einmal bewusst, gleichzeitig regt sich in uns das Gefühl, es wäre kein gutes Gespräch!

Genau das ist der spezielle Fall in dem ein Gespräch holprig auf uns wirken kann, obwohl das Gespräch vom Gegenüber gar nicht holprig „gemeint“ ist. Vielleicht hat die interviewte Person sogar das Gefühl, dass es das beste Interview seit langem ist mit tollen Fragen auf die er oder sie gerne antwortet. Es fühlt sich leider anders an.

Müssten wir das Gefühl dann nicht in jedem zweiten Call haben?

Nein! Bei privaten Gesprächen mit dem besten Kumpel oder der guten Freundin fallen diese Komponenten nicht so sehr ins Gewicht, da wir uns sicher sind, dass die andere Person sich darauf freut mit uns zu sprechen.

Die professionellen Interviewsituation ist ganz anders. Oft lernen wir die andere Person in diesem Moment kennen. Außerdem herrscht kein Gleichgewicht im Gespräch – eine Person fragt, die andere antwortet. Und die Fragenden wollen es in der Regel erreichen, dass sich die interviewte Person so wohl fühlt, dass sie auch bereit ist ein paar persönliche Dinge zu erzählen.  

Diese Interviews leben von einem Vibe, den wir als Interviewende herstellen müssen – für die interviewte Person, aber auch für uns!

Nur ein paar Millisekunden Verzögerung zu viel können diesen Vibe zerstören. Wenn wir sie lassen!

Wie gehen wir damit um?

Wir können die Technik nicht verändern. Aber allein das Wissen darüber, dass dieser Effekt existiert, ist schon einmal gut.

Jeder, der Interviews führt, kennt den Moment, in dem einem bewusst wird, dass das Interview nicht so läuft, wie geplant. Es entsteht die Frage: „Fühlt sich die andere Person eigentlich wohl?“

Merken wir als Interviewende, dass in uns dieses Gefühl entsteht, irgendetwas könnte nicht stimmen, dann sollten wir bei der nächsten Frage einmal bewusst darauf achten was dieses Gefühl auslöst.

Ist es vielleicht einfach, dass die Person auf der anderen Seite einen Hauch zu lange braucht, bis sie antwortet?

Dieses Bewusstwerden über ein technisches Problem sorgt dafür, dass wir unser Bauchgefühl beruhigen können und das schlechte Gefühl wieder auf die technischen Probleme abschieben können.

Darüber hinaus sind es aber oft auch Kleinigkeiten, die uns verraten, ob wir es schaffen, eine zu interviewende Person in ein Gespräch zu holen. Kleine Lacher am Anfang einer Antwort. Ein Schmunzeln in der Stimme. Eine gelöste Stimme mit viel Größe und ohne Verspannungen.

Wenn es eine Unsicherheit darüber gibt, ob wir vielleicht ein Latenz-Problem in dem Interview haben, dann können all diese Faktoren einen Hinweis darüber geben, ob es „nur“ die Technik ist. Und das Wissen darüber, dass die Technik mit im Spiel ist beruhigt!

Abschluss

Die Situation aus der Einleitung habe ich selbst erlebt. Ich war froh, als das Interview vorüber war. Am nächsten Tag habe ich mich an das Gespräch gesetzt und es geschnitten. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Pausen zwischen meinen Fragen und den Antworten erstaunlich lang waren. Außerdem waren die beiden interviewten Personen sehr leise ausgesteuert. Sobald ich die Pegelunterschiede ausgeglichen habe und die Pausen entfernt waren, wirkte das Gespräch plötzlich natürlich, nett und frei – ganz anderes als es sich für mich in der Situation angefühlt hatte.

Auch die Lautstärke des Gesprächspartners oder der Gesprächspartnerin hat einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Latenz.

Und in dem Fall waren es auch noch zwei Personen, mit denen ich nur per Audio-Call verbunden war. Vermutlich haben die beiden sich bei jeder Frage angeschaut, um zu entscheiden, wer antworten wird – noch ein weiterer Faktor für eine Verzögerung.

Am Ende waren aber all diese Faktoren keine Zeichen dafür, dass die Grundstimmung des Interviews in eine Richtung abdriftete, die ich nicht wollte – sie waren lediglich technisch bedingt.

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Daniel Schwingenheuer